Autobiographisches

Am 23.11.1929 hatte ich mit vier Jahren meine erste Premiere im Central Theater Dresden auf der Waisenhausgasse. Ich war ein Blatt in einem großen Blumenballett. Es war sehr aufregend und meine Wangen haben so geglüht, dass ich keine Maske brauchte. Ballettmeisterin war Frau Baum-Gründig, die mich zur Solotänzerin ausbildete.

Von da an war ich in jedem Weihnachtsmärchen dabei. Auch schon in Abendvorstellungen wie zum Beispiel „Frau Luna“ als kleinster Polizist auf dem Mond. Die Hauptprobe dauerte von 19.00 bis 3 Uhr in der Früh. Danach bin ich bei klirrender Kälte mit meiner Mutter zu Fuß nach Hause gegangen. 

Schulbesuch von 1932 bis 1940. 

Meinen ersten Vertrag als Elevin bekam ich am 1.August 1941. Am 1. Oktober desselben Jahres legte ich im Komödienhaus auf der Prager Straße vor der Kommission der Reichsmusikkammer meine Prüfung als Tänzerin ab. Nach bestandener Prüfung erhielt ich am Centraltheater einen Vertrag als Tänzerin und ab 1.September einen Vertrag als Solistin. 

Leider war diese schöne Zeit im Juni 1944 vorbei. Wir waren mit der „Glücklichen Reise“ in Zwickau auf Gastspielreise, da erfuhren wir, dass es nicht weitergeht. Es sind viele Tränen geflossen. 

Die gesamte Ballettgruppe wurde in der Rüstungsindustrie dienstverpflichtet bis zum Angriff am 13. Februar 1945. An diesem Tag hatte ich 2. Schicht. Als ich mit einer Kollegin den Heimweg antrat, wusste ich noch nicht, was auf uns zukommt. Es war ein Gang durch die Hölle.

Als der Krieg zu Ende war, ging es im Juni 1945 wieder los. Ich hatte eigene Tänze, Kostüme und Noten, mit denen ich auftreten konnte, 

also nahm ich Tagesgeschäfte an, zum Beispiel in Dresden im Faunpalast und in der Schauburg. 

Im Winter 1945/ 46 reiste ich zusammen mit sechs Ballettmädchen als Solistin in verschiedene kleine Orte. Vermittelt hatte diese Auftritte Frau Baum-Gründig, Lissa begleitete uns am Klavier. Diese Zeit war nicht einfach. Es war kalt, die Säle waren ungeheizt und wir hatten Hunger. Unterwegs zu den Auftrittsorten saßen wir in Viehwagen. Aber die Menschen freuten sich sehr über unsere Auftritte. 

1949 hatte mich Harry Caroll, „Varietékönig von Dresden“, zu seiner Bühnenschau eingeladen. Wir tanzten als Tanzpaar, begleitet vom Showorchester „Heinz auf der Heide“. 

Im selben Jahr trennten wir uns von diesem Unternehmen und ich gründete ein eigenes Ballett. Max Pfund, mein späterer Mann, kam mit einem neugegründeten Orchester hinzu, Caroll übernahm die Ausstattung und gemeinsam traten wir unter anderem im „Steintor Halle“ und Varieté in Zwickau auf. Im Winter 1949 übernahm Zirkus Aeros unsere gesamte Show und wir traten bis 1952 auf. Dann starb Aeros und unser Vertrag lief aus. 

Nun ging ich wieder ins feste Engagement. Ab 1.August1953 bis Juli 59 wurde ich an das Stadttheater in Cottbus als Solistin engagiert. Dort bekam ich schöne Rollen, wie zum Beispiel als Solistin in den Ballettabenden „Fest im Süden“ und „Nussknacker“ sowie die Mitwirkung in „Turandot“, „Carmen“ oder „Kirmes van Delft“. In dieser Zeit heiratete ich den Musiker Max Pfund und 1955 kam unsere Romely zur Welt. 

Vom 1.August 1959 bis zum Ende der Spielzeit 1962/ 63 bekam ich einen Vertrag als Solistin an die Staatsoperette Dresden mit vielen schönen Rollen. Danach begann für mich schrittweise der Berufswechsel. Ich bekam Verträge als Trainingsmeisterin, sowie Tanz- und Solistenverpflichtungen mit kleinen, aber reizvollen Rollen wie die Berta in „Feuerwerk“ und in „My fair Lady“ die Zimmervermieterin Miss Hopkins. Besonders interessant fand ich meine Arbeit mit Fritz Steiner, unserem Intendanten, mit dem ich als Assistentin die Stücke „Keilerei auf der Wartburg“ und „Wonderful Chicago aus der Taufe hob. Im Jahr 1978 konnte ich endlich die Ballettmeisterstelle übernehmen und hatte sie bis zum Sommer 1990 inne. In meiner Zeit an der Operette habe ich über fünfzig Choreographien gestellt. Von 1976 bis 1995 unterrichtete ich an der Musikhochschule Dresden als Lehrkraft für Bühnentanz.

Ingeborg Kassner, 2020