Ein Leben für den Tanz

Lissa Kassner, geb. Holunder, Pianistin und Ernst Kassner, Kapellmeister

Lissa Kassner, Mutter von Ingeborg, wurde am 30. Januar 1898 in Meissen von Anna Hollunder geboren, welche gegen Ende des 19. Jahrhunderts aus Schlesien in das aufstrebende Sachsen gekommen war. 

Anna war Dienstmädchen und gab ihre Tochter in eine Pflegefamilie, die in der Dresdner Neustadt ihre Wohnung hatte. In der „guten Stube“ stand ein Klavier, die Tür war meist verschlossen, aber Lissa hat es geschafft, sich auf diesem Instrument das Klavierspiel selbst beizubringen. Mit etwa 18 Jahren hat sie noch ein Jahr am Königlichen Konservatorium studiert, eine Prüfung abgelegt und und arbeitete als Kammermusikerin unter dem Künstlernamen Lissa Holl Massary. 1923 heiratete sie Ernst Kassner, Kapellmeister und Violinist, mit dem sie in Dresdner Lokalen an Nachmittagen und Abenden aufspielte.

Ernst Kassner, Ingeborgs Vater, wurde am 07. Januar 1888 in Chemnitz in einer Tuchhändlerfamilie geboren, wendete sich aber der Musik zu und wurde Geiger und Kapellmeister. Als Ernst Mitte der dreißiger Jahre schwer an Tuberkulose erkrankte, übernahm Lissa als Alleinunterhalterin am Klavier, Akkordeon und Orgel. Sie besaß die Gabe, binnen weniger Minuten einen ganzen Saal in Stimmung zu bringen.

Am 29. Dezember 1925 wurde Ingeborg Kassner geboren. Bereits mit vier Jahren wusste sie, was sie werden wollte, nämlich Tänzerin. Ein erster Unterricht bei Frau Kaufmann-Pratsch musste abgebrochen werden. „Die Tante sagt mir ja gar nicht, was ich falsch mache“ waren Ingeborgs Worte und dabei blieb sie. Es musste also eine bessere Lehrerin gefunden werden, aber die waren teuer. Mit Frau Gertrude Baum-Gründig, Ballettmeisterin am Dresdner Centraltheater und Leiterin des Kinderballetts, wurde deshalb ein Deal vereinbart: Lissa Kassner, die Mutter von Ingeborg, würde fortan die Unterrichtsstunden des Kinderballetts unentgeltlich am Klavier begleiten und Ingeborg bekam ihren ersehnten Unterricht.

Von da an war sie in jedem Weihnachtsmärchen dabei. Auch schon in Abendvorstellungen wie zum Beispiel „Frau Luna“ als kleinster Polizist auf dem Mond. Die Hauptprobe dauerte von 19.00 bis 3 Uhr in der Früh. Danach lief Ingeborg bei klirrender Kälte mit ihrer Mutter zu Fuß nach Hause.


Mit Fünfzehn Jahren erhielt Ingeborg eine Ausnahmegenehmigung für Ihre Tänzerinnenprüfung. Nach bestandener Prüfung avancierte sie von der Elevin zur Tänzerin und im September 1942 zur Solistin. Mit der Operette „Glückliche Reise“ wurde das gesamte Ensemble in die Rüstungsproduktion geschickt. 

Am 13. Februar 1945 lief sie vom Felsenkeller, in dessen unterirdischen Lagerräumen die Kriegsproduktion der Firma Osram ausgelagert war, gegen 22 Uhr mit einer Freundin hinunter zum Zentrum der Stadt. Der Weg war weit, und erst spät sahen sie den Feuersturm, der in der Innenstadt tobte. Es war ein Inferno, dem sie nur mit Mühe entkommen konnten.

Nach dem Krieg musste Ingeborg Kassner von vorn beginnen. Träume vom Filmgeschäft waren zerplatzt, aber sie hatte eigene Tänze, Kostüme und Noten und konnte auftreten. Bereits für den 24.Juni 1945 ist in den Tannensälen zu Pirna ein buntes Programm annonciert. Ingeborg Kassner als Solistin und das Ballett des Zentraltheaters tanzen unter der Leitung von Gertrude Baum-Gründig. Es folgen Auftritte in kleinen Städten. Es war eine harte Zeit, die Säle kalt und die Tänzerinnen reisen halberfroren in Viehwagen, aber das Publikum klatschte dankbar. Ingeborg gastierte auch als Solistin im Varieté Watzke und in der Dresdner Operettenbühne Maxa Parlo. 
 

1949 wird Ingeborg von Harry Caroll, dem Varietékönig Dresdens, in seine Bühnenschau geholt, zunächst mit ihm als Tanzpartner, später gründet sie ihr eigenes Ballett.  Max Pfund, ihr späterer Mann, mit ebenfalls neugegründetem Orchester, kommt dazu und sie starten gemeinsam mit neuer Ausstattung als Caroll-Schau in verschiedenen Varietés. 1949 wird die ganze Bühnenschau von Cliff Aeros in den berühmten Zirkus engagiert, mit dem sie bis 1952 reisen.

Nach dem Tod von Aeros verlassen sie den Zirkus und ein neues Kapitel beginnt. Ab 01. August 1953 erhält Ingeborg Kassner einen Vertrag als Solistin am Theater Cottbus und geht wieder ins Festengagement. Hier erhält sie große Partien in den Balletten „Fest im Süden“, „Turandot“, als Zuckerfee im „Nussknacker“ und natürlich in verschiedenen Operetten. In dieser Zeit heiratet sie 1954 den Musiker Max Pfund und im Oktober 1955 kommt ihre Tochter Romely auf die Welt. 

Noch in Cottbus erhält Ingeborg eine persönliche Einladung von Gret Palucca, die die Karriere der jungen Tänzerin aufmerksam verfolgt hat und ihr gern eine Chance in den neu gegründeten Sommerkursen gab. Ingeborg griff zu und besuchte von da an regelmäßig fast 20 Jahre die Kurse. Sie setzte dafür wie selbstverständlich 2 Wochen ihres Urlaubs ein. 

Ab dem 1. August 1959 beginnt Ingeborg Kassner als Solistin an der Staatsoperette Dresden. Es folgten bis 1958 sehr erfolgreiche Jahre für Ingeborg am Theater in Cottbus. Mit Beginn der Spielzeit 1959/60 datiert der Start an der Dresdner Staatsoperette. Sie glänzte in mehreren Solopartien, wie zum Beispiel mit ihrem Tanzpartner Klüver in „Alarm von Pont l’Éveque“. Danach begann für sie schrittweise der Berufswechsel. Sie bekam Verträge als Trainingsmeisterin, mit Tanz- und Solistenverpflichtungen in kleinen, aber reizvollen Rollen wie der Berta in „Feuerwerk“ und der Zimmervermieterin Miss Hopkins in „My fair Lady“, In letzterer legendären Produktion spielte sie 489-mal. Der Hut, den sie dabei trug, war schon zerfetzt, bevor er einen Ehrenplatz im Korridor ihrer Wohnung erhielt. 
 

Besonders interessant war ihre Arbeit mit Fritz Steiner, dem langjährigen Intendanten der Operette, genialer Ideengeber, aber auch bekennender „Operettenhasser“. Ingeborg war seine Assistentin in vielen Produktionen, dazu choreographierte sie Chor, Solisten und Ballett, unter anderem in „Keilerei auf der Wartburg“ oder in „Wonderful Chicago”. 

 

Im Jahr 1978 wurde ihr die Ballettmeisterstelle übertragen, die sie noch bis zum Sommer 1990 innehatte. In ihrer Zeit an der Operette hat sie über fünfzig Choreographien erarbeitet, alles im Rahmen ihrer Verträge. Von 1976 bis 1995 unterrichtete sie an der Musikhochschule Dresden als Lehrkraft für Bühnentanz. In mehreren Unternehmen leitete sie auch Volkstanzgruppen, darunter das Varieté-Studio der Deutschen Reichsbahn. Dort hat sie für ihre Tochter Romely und Freundin Mechthild schöne Tänze gestellt, mit denen sie auftraten. Eine der vielen unvergesslichen Erinnerungen an ihre Mutter, die wie alle Frauen ihrer Familie, Selbstverwirklichung und Familiensinn ohne viel Worte gelebt hat.